Das Wesen der Zeit

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Augustinus Frage nach dem Wesen der Zeit

Augustinus’ Ausgangsfrage ist so simpel gestellt, wie es im gleichen Maße schwierig für ihn ist, sie zu beantworten. Was ist Zeit?

In seinem Innersten weiß er, was Zeit ist. Er kann sie aber nicht hinreichend erklären. Er weiß, wenn nichts vorüber gehen würde, „gäbe es keine vergangene Zeit“ (XI, 17) und käme nichts auf uns zu, „gäbe es keine zukünftige Zeit“ (XI, 17) und vor allem, wenn nichts wäre, „gäbe es keine gegenwärtige Zeit“ (XI, 17). In dieser Aussage ist die Verknüpfung von Zeit und Bewegung schon vorhanden. Die Zeit hat in ihren Bewegungen oder Veränderungen von Ereignissen scheinbar ihr Sein.

Er begreift die Zeit als das Maß von Naturveränderungen, aber er weiß, dass diese selbst nicht die Zeit sind, wie z.b. die Bewegung der Sonne nicht Zeit ist. Denn ansonsten müsste jede Art von Bewegung Zeit genannt werden, so z.b. auch das Drehen einer Töpferscheibe. Entsprechend fragt Augustinus denn auch: „Wenn die Himmelslichter stillständen, aber eine Töpferscheibe sich drehte, gäbe es denn dann keine Zeit mehr?“ (XI, 29) Die Bewegungen der Himmelskörper haben die von Gott gegebene Funktion die Zeit zu markieren. Diese Bewegungen werden lediglich mit Hilfe der Zeit gemessen. „Die Bewegung ist also nicht Zeit, sondern sie ist in der Zeit.“ Zeit ist eine Dauer, somit nicht die Bewegung sondern ihre Veränderung über einen Zeitabschnitt. Was für Augustinus die Frage aufwirft, wie Zeit gemessen wird?

Ein moderner technisierter Mensch würde diese Frage vielleicht mit dem Hinweis auf einen Chronometer beantworten. Auch damals waren Uhren wie z.b. die Klepshydra, die sogenannte Wasseruhr durchaus bekannt. Aber Augustinus will das Problem der Zeiterfassung nicht als technisches Problem erschließen. Vielmehr geht es ihm darum, das innerste Wesen der Zeit zu finden, ausgedrückt in der ontologischen Frage: „Was ist die ‚ultima ratio essendi’ der Zeit?“ Alle Fragen zur Zeitmessung und -empfindung die Augustinus in seinem Buch stellt, dienen letztendlich dazu, die Frage nach dem Sein der Zeit zu beantworten.

Zeit wahrnehmen und messen kann man nur während sie vorüber geht (XI, 21). Da das Messen der Raum zwischen Anfang und Ende ist, ergibt sich für Augustinus das Problem, wie man etwas messen kann, bei dem der Anfang schon vergangen und das Ende noch nicht gekommen ist.

Die Aufteilung der Zeit in die drei Zeitphasen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat als Problem, dass sich die Vergangenheit auf Ereignisse bezieht, die nicht mehr da sind, und die Zukunft auf Ereignisse, die noch nicht sind. Dieses Nicht-Sein der beiden Zeiten hat somit zur Folge, dass wir sie nicht mit Attributen wie z.b. lang oder kurz belegen, geschweige denn messen können. In XI, 22 stellt Augustinus fest, die Vergangenheit und die Zukunft sind als Ursache der Gegenwart. „In der Gegenwart werden die Zukunft, die an sich noch nicht ist, und die Vergangenheit, die an sich nicht mehr ist, im Geist sichtbar.“ Oder anders, was aber ist, muss folglich auch irgendwo seinen Platz haben. Der Ort der Vergangenheit ist im Geist als Erinnern und der Ort der Zukunft ist im Geist als Erwarten existent. Die Seele ist der einende Geist, der die drei Zeiten in einer Zeit umschließt. Hermann spricht in diesem Zusammenhang treffend von der „zeitverstehenden Seele“. Und Weis umschreibt die Zeit als eine „Aktivität der Seele“. Hieran zeigt sich der subjektive Charakter der Zeit. Im subjektiven Geist sind die vergangenen und zukünftigen Ereignisse gegenwärtig. Die Schlussfolgerung die Augustinus aus diesen Überlegungen zieht, ist dass die Zeiten Gegenwart von Vergangenen, Gegenwart von Gegenwärtigen und Gegenwart von Zukünftigen genannt werden müssten.

Wie schon angemerkt ist die Art der Zeitmessung das Entscheidende. Diese praktizierte Herangehensweise kann durchaus als spezifisch-augustinisch bezeichnet werden. Augustinus zieht als Hilfe nicht ein objektives technisches Instrument heran, sondern benutzt stattdessen das subjektive Hörverständnis vom Gesang. Als Einheitsmaß hat er nicht die objektive Sekunde, stattdessen arbeitet er mit einem Empfindungsmaß: die Dauer einer kurzen Silbe. Wobei er die Silbe aber am Ende seiner Überlegungen als nicht zuverlässig erkennt. Augustinus’ Zeitmessung ist somit individualisiert. Denn für ihn besitzt die Zeit kein eigenes Sein. „Es kommt ihr nicht eine ‚objektive Existenz’ zu in der Weise, wie die Dinge im sachlichen Bereich existieren.“ Da für Augustinus der Zusammenhang zwischen der Außenwelt und der Zeit nicht über die Außenwelt besteht, sondern über die menschliche Seele, ist es nur folgerichtig, dass er kein Instrument aus der Außenwelt zur Zeiterfassung verwendet. „Die Zeit kann in der Seele gemessen werden, weil sie in der Seele ist.“ Weil die Zukunft als Erwartung und die Vergangenheit als Erinnerung in der Seele sind, löst sich das Problem zu messen was augenscheinlich auf den ersten Blick nicht war. Das Vorübergehende wird im Geist gemessen, indem „es im Geist einen Sinneseindruck hervorruft, der bleibt, wenn das Vorübergehende vorübergegangen ist.“ So wird also der Messanfang als Sinneseindruck x abgelegt, und das Messende als y. Hierdurch entsteht die Verräumlichung der Zeit, indem wir aus den Punkten x und y eine Strecke bilden können. Diese Strecke können wir mit Hilfe des Geistes messen. Die Maßeinheit beträgt aber dann nicht Meter sondern eine Zeiteinheit, wie Stunde oder Minute. Analog dazu kann der Geist auch Zeit, die noch in der Zukunft liegt, voraussehen. Im Erwarten und Festlegen eines Messanfangs und - endes, bildet der Geist auch hier zwei Punkte, zwischen denen die Zeit ausgestreckt werden kann.

Hatte Augustinus zu Beginn seiner Überlegungen noch mit dem Problem zu kämpfen, dass die Zeit in der Gegenwart lediglich einen Jetzt-Punkt darstellt, unteilbar und eine „fastige Nichtigkeit“, der keine Ausdehnung besitzen konnte, löst sich nun auch diese Schwierigkeit. Das Jetzt als „Grenze zwischen dem Nicht-mehr und dem Noch-nicht“ zeigt sich in der distentio animi. Diese distentio animi ist die Erstreckung, die der Geist vollziehen kann, indem er in der Erinnerung und in der Erwartung Punkte fixiert, zwischen denen er messen kann.

Da Augustinus mit diesen Überlegungen das Sein der Zeit lediglich in der Seele ansiedelt, bedeutete es als Umkehrschluss, dass außerhalb der Seele keine Zeit existiert. „Nach Augustinus sind die Dinge in ihrer Dauer, Bewegung und Folge zeitlos. Zeit ist kein Vorhandenes an sich und auch kein Vorhandenes an Vorhandenem.“ Er trennt also Bewegung und Veränderung von der Zeit, denn erst der menschliche Geist erschafft die Zeit. Die Zeiterschaffung des menschlichen Geistes widerspricht nicht Bewegungen „außerhalb der wahrnehmenden Seele, aber nur die Seele vermag diese Bewegung mit der Zeit zu messen.“

An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass hiernach der menschliche Geist zwar die Zeit erschafft, aber dass für Augustinus die Zeit weiterhin eine Schöpfung Gottes bleibt. Wie es auch Fischer betont: „Zunächst ist auf den ungebrochenen Glauben Augustinus hinzuweisen, dass Gott die Zeit geschaffen hat und ihr Herr ist, dass sie weder unabhängig von seinem Willen noch gegen seinen Willen entstanden ist.“ Augustinus hat in seinen Confessiones wiederholt diese These aufgestellt.

 

 

 

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