Caelum Caeli

Start Einleitung Zielrichtung der Confessiones Das Wesen der Zeit Die Ewigkeit und die Zeit Der caelum caeli - der Ort der Zeitüberlegenheit Schlussbetrachtung

Caelum caeli, der Ort der Zeitüberlegenheit

Das Lebensziel des Menschen ist es, aus seiner Zerrissenheit, die er durch das Ausgesetztsein in dem zeitlichen Fluss erleidet, zu entfliehen und in die Ewigkeit einzutreten. Wie oben ausgeführt, ist der Eintritt in die Ewigkeit Gottes aber unmöglich, da sie unveränderlich ist. Das bedeutet, dass zwischen der Ewigkeit Gottes und der Zeit des Menschen noch ein Drittes, also „ein Bindeglied zwischen Zeit und Ewigkeit“ existieren muss. Augustinus sprach erstmals im XI. Buch von solch einem Wesen. Die Menschen „sollen einsehen, dass du, der ewige Schöpfer aller Zeiten, über allen Zeiten stehst und dass es keine Zeiten und keine Geschöpfe gibt, die gleichewig wären mir dir, auch wenn es Geschöpfe gibt, die über den Zeiten stehen.“ (XI, 40) Augustinus spricht von „creatura“. Flasch hat es hier mit Geschöpf übersetzt. Er schreibt: „In 40,14 behauptet Augustinus, es gebe ein bestimmtes Geschöpf, alqua creatura (im Singular), das jenseits der Zeit stehe. Wir sind überrascht. Von Engeln war bisher in der Zeituntersuchung nicht die Rede.“ Auch Joseph Bernhart meint in seiner Übersetzung, dass hier die Engel gemeint sind. Wilhelm Thimme übersetzt den Begriff creatura, weniger interpretierend mit Kreatur. Die Übersetzung Geschöpf impliziert ein Lebewesen, das dem Menschen gleich oder zu mindestens ähnlich ist. Flasch schreibt weiter: „Die Engel dachte Augustinus als spirituelle Wesen mit einem subtilen Körper.“ Benutzen wir aber das weniger festlegende Wort Kreatur, kann neben der Bedeutung menschliches oder tierisches Lebewesen, auch die Interpretation eines geistigen Wesens treten.

Betrachtet man die Gesamtkonzeption der Confessiones mit dem Ziel der Erlösung durch Gott, so sind die letzten drei Bücher unabläßlich für dieses Ziel. „Die Bücher 11-13 sind deshalb kein Anhängsel zum autobiografischen Part, die man, weil angeblich ‚ohne eigentlichen Zusammenhang mit dem Vorangehenden’ bei Veröffentlichungen auch weglassen kann, sie sind vielmehr integrierender Teil eines Gesamtkonzeptes.“ Mayer betont: „Indes fällt erst von der Genesis-Auslegung die Fülle des Lichtes auf die Einheit aller dreizehn Bücher der Confessiones, weil die Darstellung der Schöpfung aus dem Nichts sowie der perfekten Ausstattung der rein geistigen Kreatur im zwölften Buch dem Vorgang der ‚conuersio’ neben dem spirituellen, intellektuellen und moralischen Aspekt auch noch einen metaphysischen hinzufügt.“ Denn die „conuersio“, die Bekehrung zu Gott wäre unvollständig, wenn es eben nicht die rein geistige Kreatur des zwölften Buches geben würde, die zwischen der Ewigkeit Gottes und der Zeit steht.

Daher erscheint es für mich einleuchtender zu sein, wenn Augustinus im XI. Buch mit dem Begriff creatura, eben im Vorgriff auf das Thema des caelum caeli seines zwölften Buches, Bezug nimmt auf den Ort der seliggewordenen Existenzen und nicht auf die Existenzen selbst. Auch Grotz bemerkt, „dass Augustin im zwölften Buch der Confessiones im Zusammenhang mit dem caelum caeli nie von den Engeln spricht.“ Mayer hat in seiner Abhandlung auch die verschiedenen Begriffe, die Augustinus für den Himmel des Himmels im XII. Buch verwendet, aufgezählt. Es sind die Begriffe: „uranfängliches Gestalten (16: ‚primitus formatum’), erhabene Kreatur (19: ‚sublimen creatura’), erschaffende Weisheit (20: ‚sapientia creata’, aus Ecli 1,4), vernunftbegabte Natur (20: ‚intellectualis natura’), vernunftbegabter und einsichtsfähiger Geist (20: ‚mens rationalis et intellectualis’) sowie vernünftiger Himmel (30: ‚caelum intellegibile’)“. Am häufigsten tritt aber der Begriff des caelum caeli auf. Es zeigt sich also, dass Augustinus im zwölften Buch creatura und caelum synonym verwendet.

Das XII. Buch behandelt eingangs die Frage, wo denn nun dieser Himmel des Himmels zu suchen sei, der über den Zeiten steht. Dieser von jeglicher Beschaffenheit freie Himmel ist nicht sichtbar. Er ist nicht mit dem wahrnehmbaren Himmel zu vergleichen. Im Vergleich zum Himmel des Himmels ist alles nur Erde, was wir sehen. Augustinus klassifiziert in Abstufungen hier also die Begriffe Himmel des Himmels, den Himmel, den wir sehen und die Erde, auf der wir gehen.

Der wahrnehmbare Himmel und die wahrnehmbare Erde sind weiter von Gott entfernt als der Himmel des Himmels. Durch die größere Entfernung zu Gott ist auch ein größerer Mangel in ihr, denn die Unvollkommenheit nimmt mit der wachsenden Entfernung von Gott zu.

Augustinus erkennt, dass der Ursprung zeitlos war. In diesem zeitlosen Ursprung hat Gott aus dem Nichts heraus zwei Dinge erschaffen - den caelum caeli und eine formlose Materie. Diese Schöpfung steht im direkten Gegensatz zu der griechischen Kosmologie, die besagt aus ‚Nichts wird Nichts’. Augustinus war „in seiner Schöpfungstheologie dem in der kirchlichen Tradition bereits weit verbreiteten Glaubenssatz von der Schöpfung aus dem Nichts (...) verpflichtet.“ Das bedeutet nicht nur die Ablehnung der Ewigkeit der Materie, sondern im gleichen Maße das Gott auch Schöpfer von Allem ist.

Aus der formlosen Materie, die nach der Genesis auch Erde genannt wird, sind erst der wahrnehmbare Himmel und die wahrnehmbare Erde geformt worden. Das Material aus dem unser Himmel und unsere Erde entstanden sind, hatte keine Farbe, keine Gestalt, keinen Körper und keinen Geist - es war unsichtbar und ohne Ordnung, weil über ihm Finsternis lag. Diese formlose Materie besaß keine der Erkenntnis zugehörige und auch keine sinnlich wahrnehmbare Form. Augustinus stellt in Buch XII, 5 fest, dass das Unsichtbare und das Ordnungslose nicht wahrnehmbar sind. Aber dennoch war diese Erde so beschaffen, dass aus ihr etwas geformt werden konnte.

Da alles was existiert, auch wenn es nicht wahrnehmbar ist, seinen Platz haben muss, ordnet Augustinus diese formlose Materie zwischen dem Nichts und der Form an im Fast-Nichts. Diese formlose Materie hat Gott vor der Erschaffung der Zeit aus dem Nichts erschaffen, sowie er auch den Himmel des Himmels aus dem Nichts erschaffen hat. Bedingt durch die vollständige Formlosigkeit konnte diese Erde keine Veränderungen erfahren, denn Veränderung ist erkennbar im Wechsel der Gestalt und Form. Erst als Gott dieser formlosen Materie zur Gestalt verhalf, konnte sie auch Veränderung erfahren. Die Veränderung der Form ist nichts anderes als Bewegung, von der vorherigen Gestalt, zur gegenwärtigen Gestalt, zur zukünftigen Gestalt. Da hier somit keine Bewegung eintreten kann, kann auch keine Zeit wahrgenommen werden. Wie oben schon erwähnt, kann Bewegung durchaus ohne Zeit vonstatten gehen, aber Zeit niemals ohne Bewegung, sei es nun ein Orts-, Form- oder Zeitwechsel. Somit begann mit der Formgestaltung der Materie durch Gott auch die Zeit.

Im Gegensatz steht hierzu der Himmel des Himmels. Erschaffen ebenfalls im zeitlosen Ursprung unterliegt er nicht der Zeit, gleichwohl aber der Veränderung. Dieser Himmel ist eine geistige Kreatur, die an der Ewigkeit Gottes teilhat, aber nicht gleichewig mit ihr ist. Sie kann nicht wesensgleich mit Gott sein, da sie nicht aus seinem Wesen erschaffen wurde, sondern eben aus dem Nichts (XII, 7). Obwohl dieser Himmel Veränderungen unterworfen ist, „erhebt er sich aus dem flüchtigen Wechsel der Zeiten“ (XII, 9), in dem er sich vollständig Gottes Ewigkeit zuwendet. Die geistige Kreatur besinnt sich mit ihre ganzen Hingabe auf Gott, der ihr stets gegenwärtig ist. Von daher braucht sie keine erwartende Zukunft und keine erinnernde Vergangenheit, denn sie ist durch die Unveränderlichkeit Gottes selbst der Zeit und damit der Veränderung entrissen. In der totalen Hinwendung zu Gott entbehrt sie selbst jeden Mangel.