"> Schlussbetrachtung

Start Einleitung Zielrichtung der Confessiones Das Wesen der Zeit Die Ewigkeit und die Zeit Der caelum caeli - der Ort der Zeitüberlegenheit Schlussbetrachtung

Schlussbetrachtung

Augustinus fügt sich mit seiner Zeituntersuchung in die Reihe anderer großer antiker und mittelalterlicher Philosophen ein. Es ist anzunehmen, dass Augustinus die zeittheoretischen Schriften von Platon, Aristoteles, Sextus Empiricus und Plotin gekannt hat, wobei er sich aber nicht ausdrücklich mit diesen auseinandersetzt. „Dennoch wimmelt es in der Literatur über Augustins Zeittheorie von Hinweisen, die seine Lehre entweder positiv oder negativ mit diesen Vorgängern in Beziehung setzen.“ Inhaltlich gibt es neben Übereinstimmungen auch Kontroverses. Kongruenzen finden sich bei den Überlegungen, Zeit als Bewegung aufzufassen, aber Bewegungen nicht Zeit zu nennen. Divergenzen finden sich in der Abhängigkeit der Zeit von der Seele. Herausgehoben sei noch Plotins Überlegung, Zeit als Bild der Ewigkeit aufzufassen.

Für diese Arbeit ist aber der wichtigste Gegensatz, in der durch Augustinus nicht genannten Weltseele zu suchen. Augustinus Ausführung kommt ohne die Einführung einer Weltseele aus. Was die Frage aufwirft, wie Ereignisse geschehen können, ohne dass sie von einer Seele wahrgenommen werden. Denn Zeit sagt er, ist die distentio animi. Das bedeutet, ohne Erstreckung der Seele gibt es keine Zeit. Die Erstreckung kann aber nur durch die Wahrnehmung des Anfangs und des Endes erfolgen. Wie kann Augustinus somit also historische Ereignisse, die vor seinem Leben geschahen, erklären? Denn diese historische Zeit kann für ihn keine subjektive Zeit sein; sie ist fern seiner Wahrnehmung. Historische Zeit lässt sich plausibel durch die Einführung einer Weltseele erklären, in der die Weltseele eben Zeit verursacht und bestimmt.

Ein Grund, die Weltseele nicht anzunehmen, liegt darin, wann Gott sie denn erschaffen haben soll. Die Schöpfungsgeschichte läuft in der Zeit ab, so wie sie in der Genesis dargestellt ist, d.h. Gott müsste zu diesem Zeitpunkt die Weltseele schon erschaffen haben. Da die Genesis davon aber nichts zu berichten weiß, kann Augustinus selbst, wenn er es denn gewollt hätte, sie nicht später hinein interpretieren. Hier nun die Überlegung anzustellen, der caelum caeli wäre gleich zusetzen mit einer Weltseele, ist paradox. Der caelum caeli, der über der Zeit steht, ist doch gerade aus dem Grund über die Zeit erhaben, weil er sich Gott und dessen Ewigkeit gänzlich zugewendet hat. Würde der caelum caeli die Weltzeit verursachen, wie könnte er dann noch gänzlich auf Gott gerichtet sein? Durch seine Funktion der Weltseele und seine Hinwendung zu den Menschen und ihrer Zeit wird er somit auch zum zeiterschaffenden Wesen. Zeiterschaffen heißt in der Zeit erstreckt zu sein, die distentio animi. Diese Erstreckung hat aber der caelum caeli überwunden. Es ist zu betonen, dass der Himmel des Himmels lediglich der Zeit enthoben ist, aber nicht wie Gott ewig und immerwährend ist.

Die folgenden zwei Schaubilder veranschaulichen Augustinus Ontologie und seine Interpretation der Schöpfungsgeschichte, wie sie sich aus den Büchern XI-XIII ergeben:

 

Schaubild a zeigt die hierarchische Ontologie. An ihrer Spitze steht Gott, allmächtig und allein verkörpert er das wahre Sein. Ganz unten steht das Nichts, dass als Nicht-Sein charakterisiert ist. Diesem Nicht-Sein stand einst die formlose Materie als Fast-Nicht-Sein nahe. Aus dieser hat Gott laut Schöpfungsgeschichte die wahrnehmbare Welt geschaffen. Da sie immer noch aus der gleichen Materie besteht, aber nun eben als wahrnehmbare Materie, unterscheidet sie sich minimal vom Fast-Nicht-Sein. Dennoch tendiert sie mehr zum Fast-Nicht-Sein als zum Sein. Als Bindeglied zu allen Teilen steht der Himmel des Himmels. Mit dem Nichts ist er verbunden, weil er einst im Ursprung aus dem Nichts erschaffen wurde. Die Verbindung zur formlosen Materie findet er in dem Ursprung, das beide aus dem Nichts erschaffen wurden. Für den Menschen ist am entscheidensten die Beziehung, die aus der Verbindung zwischen caelum caeli und der wahrnehmbaren Welt in der er lebt entsteht. Die endgültige Verbindung zwischen Mensch und Gott kann nur erfolgen, wenn der Mensch im Himmel des Himmels weilt. Den Eintritt verschafft letztendlich nur die von Augustinus vorgestellte Gnadenlehre. So zeigt sich auch im XII. Buch die Gnadenlehre. Der Eintritt in den Himmel des Himmels ist nicht zu verdienen. Es ist die Gnade Gottes, die die Übertretenden aus der Zeit nimmt, in dem er sie in den caelum caeli eintreten lässt, von wo aus sie seine Ewigkeit betrachten können. Zur Seins-Stufe des caelum caelis gibt Augustinus keine Auskünfte.

Im Schaubild a wird aber eine entscheidende Tatsache nicht berücksichtigt. Die absolute Gegensätzlichkeit von Gott und dem Nichts. Diesem Umstand trägt Schaubild b Rechnung. Zwei Kreise jeweils für Gott und für das Nichts sollen die Verschiedenartigkeit symbolisieren und auch demonstrieren, dass der Mensch nicht Gott ähnlich ist und auch nicht werden kann. Gott hat aus dem Nichts den Himmel und die formlose Materie im Ursprung, oder anders am Tag Null, erschaffen. Mit seinem Hexaemeron erschuf er auch die Zeit (siehe dazu den chronologischen Pfeil). Laut Genesis in der Abfolge Licht, Himmelsfeste, Himmel und Erde usw.. Das Schaubild soll weiter verdeutlichen, dass im Beginn der Zeitschöpfung keine Seele existierte, die mit ihrer distentio animi Zeit wahrnehmen konnte.

Wie kam also die Zeit in die Schöpfungsgeschichte bevor der Mensch existierte? Um diese Frage zu beantworten ist zu verstehen, dass Augustinus die Zeit nur als distentio animi begreift und somit Zeit nicht in der Außenwelt besteht. Die Zeit kommt auf dem Weg in die Genesis, wie Augustinus auch die Zeitmessung in der Erwartung und des Erinnerns angeht. Durch das Ablegen von Sinneseindrücken. Dieses Wahrnehmen muss nicht alleine durch optische Wahrnehmung erfolgen, sie kann auch z.b. akustisch erfolgen. In dem Moment wo Gott einem Propheten die Schöpfungsgeschichte offenbarte, genau in dem Moment kam die Zeit in die Genesis. Denn sobald der Mensch versteht, wie lange ein Tag ist, weil er ihn selbst wahrgenommen hat, kann er diese Verräumlichung auf alle Strecken, die er in seinem Erinnern und in seinem Erwarten festlegt anwenden. Dabei ist es ohne Belang, ob diese Ereignisse nun während seiner Existenz oder auch lang vor seiner Existenz eintreten oder eingetreten sind. Entscheidend ist nur ihre Wahrnehmung. Hierin liegt der Grund, weshalb Augustinus für seine Zeit keine übergreifende Weltseele oder -zeit benötigt.

„Das Problem der Individualzeit fasst Augustinus nicht einmal ins Auge.“ Er „verliert kein Wort darüber, dass ein anderer Mensch die Zeit anders erfährt als er. Individuelle Zeiterfassung bringt er nicht zu Wort.“ Er unterlässt diese Überlegungen, weil die individuelle Zeiterfassung nur zu klären ist, wenn nicht nur nach dem Wesen der Zeit gefragt wird, sondern wenn auch die Antwort auf das Wesen der Zeit abzielt. Denn es ist hier nicht entscheidend, ob der eine Mensch etwas als lang und ein anderer Mensch dieses als kurz auffasst. Augustinus’ Zeittheorie hat das Ziel den Menschen und damit seine Seele in der Zeit und die Zeit als Unvollkommenheit und als Zerrissenheit der Seele aufzuzeigen. Augustinus Frage lautete ‚was ist Zeit?’, und obwohl er einräumte Zeit nicht erklären zu können, kannte er seine Antwort schon bei der Fragestellung. Diese Antwort musste die Zeit als unvollkommen aufzeigen und als Übel, welches überwunden werden muss. Damit ist für die Confessiones das Wesen der Zeit erklärt und vor allem auch der Sinn des expectaio-Teil oder anders der Sinn des zukünftigen Lebens von Augustinus.

Nachdem Augustinus in den Büchern I-IX von seiner Vergangenheit berichtet hatte, und das Buch X seine Gegenwart beschrieb, stellte er nun in den Büchern XI-XIII die Erwartung seines Lebenszieles dar. Anschaulich zeigt er die distentio animi auf und ihr Zerdehnt-Sein, dass so gänzlich verschieden ist von der Ewigkeit Gottes (dafür diente das Buch XI). Mit der Auslegung der Genesis (Buch XIII) beschreibt er den Ort, in der diese Zerrissenheit überwunden werden (Buch XII) und auch wie der Mensch die Entfernung zu Gott verringern kann; immer aber unter dem Eindruck der Gnade Gottes.

Flasch sagt, dass eine Gefahr besteht, „wenn in bezug auf das XI. Buch behauptet wird, es gehe in ihm um die moralisch-religiöse Zeiterfahrung, nicht um die philosophische Erforschung des Wesens der Zeit.“ Auch wenn er richtigerweise „Augustins ausdrückliche Erklärung, er suche nach dem Wesen der Zeit“ feststellt, vernachlässigt Flasch aber alle vorherigen Bücher der Confessiones. Die Confessiones dienen der moralisch-religiösen Auffassungen Augustinus, von daher kann man nicht einfach einen Teil aus dem Gesamtkonzept ausklammern und erklären, auf diesen träfe es nicht zu, wobei er doch selbst „das moralisch-religiöse Motiv“ auch dem XI. Buch zuerkennt. Moralisch-religiöse Meinungen und eine philosophische Vorgehensweise zur Bestätigung dieser Meinungen müssen sich doch nicht gegenseitig ausschließen. Die Verschmelzung christlichen Denkens mit griechischer Philosophie lag bekanntermaßen auch in den Bestrebungen der ersten Kirchenväter.

Weiter behauptet Flasch, „dass der Text eine allgemeine Theorie der Zeit geben will“ und „es kann keine Rede davon sein, Augustin habe das Rätsel der Zeit nicht lösen, sondern zu einer religiösen Besinnung aufrufen wollen.“ Nach Ansicht des Verfassers kann diese Meinung nicht unwidersprochen bleiben. Mit Sicherheit ist Augustinus bestrebt,das Rätsel der Zeit zu lösen, aber hier erstellt er keine allgemeine Theorie - dafür ist sie zu individualisiert und auf Gott und dessen Ewigkeit bezogen. Gerade die nachfolgende Genesisauslegung in den Büchern XII und XIII weist auf die religiöse Intention hin. Auch Grotz meint: „denn nachdem Augustin das Wesen der Zeit erfasst hat, kann er im Gegensatz dazu auch die unveränderliche, stehende Gegenwart in der Ewigkeit Gottes besser erfassen.“ Denn das „schöpferische Wirken Gottes“ ist die Grundlage der Bücher XI-XIII, nachdem in den ersten zehn Büchern das errettende, erlösende und heiligende Tun Gottes dargestellt wurde.

So zieht der Verfasser folgendes Fazit für die Zeituntersuchung des Augustinus. Auch wenn die Überlegungen von Aristoteles und Plotin zur Zeit schon vor Augustinus Licht in das Wesen der Zeit gebracht haben, hat Augustinus für sich eine besondere Antwort auf die Frage ‚Was ist Zeit?’ - auch wenn sie nur für ihn gilt und den Wesenscharakter der Zeit nicht hinreichend erklärt - gefunden: Zeit ist ein Zustand/Umstand, den es durch die Gnade Gottes zu überwinden gilt.

 

 

 

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