Ewigkeit und Zeit

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Die Ewigkeit und die Zeit

Welche Bedeutung hat die Ewigkeit für Augustinus? In bezug auf die Zeituntersuchung dient sie ihm als Maßstab, an der sich die Zeit messen soll. Wobei hier unter Maßstab aber die Norm verstanden werden soll, mit der die Zeit beurteilt wird. Die Ewigkeit als ideale Norm, ausgedrückt in ihrer Vollkommenheit, der die Zeit in ihrer Unvollkommenheit, ausgedrückt in ihren flüchtigen Momenten, als das Übel gegenübersteht, welches überwunden werden soll. „In der Ausrichtung auf Gottes Ewigkeit muss die Zerrissenheit des menschlichen Daseins in der Zeit überwunden werden.“ Augustinus setzt der Ewigkeit das negative Gegenstück Zeit entgegen.

Nun drängt sich die Frage auf, ob die Ewigkeit nur im Zusammenhang mit der Zeit zu verstehen ist? Die Frage lässt sich nicht ohne weiteres mit ja oder nein beantworten. Hermann schreibt: Augustinus gelingt „eine begriffliche Bestimmung der Ewigkeit nur (...) im negativen Abstoß von den spezifischen Zeitcharakteren.“ „Nur im negierenden, im remotiven Absprung von den Charakteren der Zeit und des Innerzeitlichen kann der Begriff der Ewigkeit vernommen werden.“ Aber für Augustinus ist die Zeit nicht ein unvollkommenes Abbild der Ewigkeit. In Kapitel XI, 13 schreibt er die entscheidenden Worte: die immerstehende Ewigkeit und die niemals stillstehende Zeit sind „unvergleichlich“. „Die Ewigkeit ist die Daseinsform Gottes, die Zeit ist die Daseinsform des Geschöpfes.“ „Der Schöpfer übertrifft das Geschöpf (...), aber eben nicht quantitativ, sondern qualitativ.“ Diese Qualität zeichnet sich z.b. im Bereich des Wissens folgendermaßen aus: Gott besitzt kein Mehr-Wissen, vielmehr ist sein Wissen vollkommen.

Augustinus benutzt zwar für die Ewigkeit den Zeitbegriff gegenwärtig, aber hier ist zu beachten, dass für ihn die Gegenwarts-Zeit niemals ganz gegenwärtig ist, sondern einzig und allein in der Ewigkeit alles gegenwärtig ist. Es gibt keine Zeit, „die in ihrer Ganzheit als nur gegenwärtig ohne Übergang in das Nicht-mehr wäre.“ Wenn Augustinus die Dreiteilung der Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft annimmt, und für die Ewigkeit sagt, nur hier ist das Ganze gegenwärtig, also alle Zeitstufen stehen still, bedeutet es das Fehlen jeglicher Sukzession. Im Gegensatz hierzu ist die Grundeigenschaft der Zeit das Nacheinander. „Will die Zeit Zeit sein, dann muss sie im Fluss sein...“. Die Ewigkeit anhand der Zeit zu erklären, gleicht dem Versuch das Sein mit dem Nicht-Sein zu erklären. Wobei auch Weis betont, dass „wir (...) die Ewigkeit nicht an ihrem Sein sondern durch die Verneinung der Unvollkommenheiten, die wir in der Erwägung des Seins der Zeit entdecken“ zu fassen bekommen. Vor diesem Hintergrund sollen nachstehend die Unterschiede zwischen Ewigkeit und Zeit herausgestellt werden.

Die Ewigkeit ist vollkommen. In der Ewigkeit gibt es keine Zu- oder Abnahme. Aus diesem Grund kann die Zeit in der Ewigkeit nicht existieren, da Zeit immer eine Abfolge von Ereignissen ist, in der die Ereignisse der Zukunft abnehmen, weil sie sich zur Vergangenheit hin bewegen und somit die Ereignisse der Vergangenheit vermehren. Wegen diesem Fehlen an Sukzession würde die Zeit in der Ewigkeit stillstehen und könnte von daher laut Definition nicht mehr Zeit genannt werden.

Gott ist immer derselbe und seine „Jahre kommen und gehen nicht“. (XI, 16) Das berühmte Fragment von Heraklit: „Wir steigen und wir steigen nicht in die selben Fluten“, trifft somit auf Gott nicht zu. Dieser Gedanke bedeutet aber weiter, dass sich nicht nur Gott nicht verändert, sondern der Fluss auch nicht. Nehmen wir den Fluss als die Zeit an und den hineinsteigenden Menschen als Körper in der Zeit, der inneren und äußeren Veränderungen unterworfen und ausgesetzt ist, so können wir nicht analog dazu sagen, Gott steigt in einen stehenden Fluss, was hier bedeuten würde, dass die Zeit stehen bleiben würde. Betrachten wir das stehende Gewässer nun als einen See, müssen wir uns einen See vorstellen, der nicht nur keine Ufer hat sondern auch keinen Grund und keine Oberfläche. So wird verständlich, dass dieses Substrats-Medium, was hier anstelle der Ewigkeit steht, nicht mehr vergleichbar ist mit einem Fluss. Und Gott steigt nicht in dieses Medium, sondern er ist in allen Teilen dieses Medium zugleich. Und das Medium ist selbst Gott, und Gott ist dieses Medium. Auch wenn das nur ein Ansatz sein kann, sich die Unvergleichbarkeit der Ewigkeit zur Zeit vorzustellen, soll nochmals betont werden, dass für Augustinus Ewigkeit und Zeit nicht vergleichbar sind.

Auch das Sprechen Gottes ist mit dem menschlichen Sprechen nicht vergleichbar, bedingt durch die Allgegenwart Gottes, die keine Sukzession zulässt. Gottes Sprechen in bezug auf das Schöpfungswort ist keine Folge von Wörtern und Sätzen. Sein Sprechen bedeutet nicht das Nacheinander und das Wechseln von Wörtern. Gott spricht immerwährend und zugleich. Hermann führt an, dass „das ‚immerwährend’ das positive Gegenwort zum ‚zeitlich endend’ ist“ und weiter, dass „das ‚zugleich’ das positive Gegenwort zum ‚nacheinander’“ ist. Das Nacheinander der Wörter als Zeichen der Zeit, in dem sich die Wörter bewegen, d.h. vom noch nicht gesprochenem - zum sprechenden - zum gesprochenen Wort ist unvereinbar mit der Ewigkeit, in der keine Sukzession herrscht.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Ewigkeit nicht mit dem Unendlichen gleich zusetzen ist. „Die Ewigkeit darf nicht am Vorbild einer ‚langen Zeit’ (longus tempus) gedacht werden, so, als ob eine lange Zeit ein Stück Ewigkeit wäre.“ In der Unendlichkeit gibt es Veränderung und auch Zeit. Unendlich können die Jetztpunkte der Gegenwart vom Noch-Nicht-Sein zum Sein zum Nicht-Mehr-Sein wechseln. Der Ewigkeit wären sie damit aber noch lange nicht gleich zusetzen. Weiter sei betont, dass Augustinus die Zeit mit Anfang und Ende denkt. Der Anfang ist die Schöpfung, wie sie in der Genesis beschrieben wird, und das Ende ist das Weltgericht am jüngsten Tag. Die Ewigkeit ist im Gegensatz dazu keine endliche Folge, sondern sie ist überhaupt keine Folge, weder endlos noch endlich.

Das stete Gleichbleiben zeichnet die Dinge aus, die an Gottes Ewigkeit teilhaben. Gottes Wissen ist somit auch immer gleichbleibend, denn Gott kann keine neuen Erkenntnisse hinzugewinnen, weil Zunahme eine Veränderung im Geist Gottes bedeuten würde. Dieser Besonderheit im Geist Gottes ist sich Augustinus durchaus bewusst. Folglich stellt das an Gott gerichtete Gebet für ihn nicht primär eine Bitte dar, denn Gott weiß, was er erbittet, sondern das Gebet und der Anruf an Gott stellt ein Sich-Öffnen und ein Sich-Bekennen zu Gott dar.

Das Bekennen zu Gott und die Barmherzigkeit von Seiten Gottes kann den Menschen zur Seligkeit führen. Da diese Seligkeit gleich zusetzen ist mit der Ewigkeit, bedeutet es nichts anderes, als dass der Mensch auf Erden unvollkommen ist. Erst wenn der Mensch aus der Zeit herausgenommen wird und in die Ewigkeit eintritt, wird auch er vollkommen.

Dieser Eintritt des Menschen in die Seligkeit, respektive Ewigkeit schafft aber für den Wesenscharakter der Ewigkeit ein Problem. Nimmt man eine allumfassende Ewigkeit an, in die alle selig werdenden Menschen übertreten, würde diese Ewigkeit eine Zunahme verzeichnen. Eine Zunahme und somit Veränderung ist aber das Zeichen der Unvollkommenheit.

Betrachtet man nun den Übertritt von der Zeit in die Ewigkeit aus der Sicht des übertretenden Menschen, ergäbe sich ein Beginn für die Ewigkeit des Menschen. Für den Menschen hätte es eine Zeit vor dem Übertritt gegeben. Dieses Problem würde sich nur lösen lassen, wenn der Mensch gleichzeitig in der Ewigkeit und in der Zeit existieren würde. Da die Ewigkeit aber das wahre Sein ist, und das Zeitliche zum Nicht-Sein tendiert, da es wandelbar ist, würde der Mensch gleichzeitig im Sein und im Fast-Nicht-Sein existieren.

Für Augustinus ist das Ziel und die Bestimmung des gläubigen Christen die Seligkeit. Aber dieser Übertritt von Einem (Zeit) zum Anderen (Ewigkeit) ist immer ein Wechsel, egal ob nun ein Orts- oder Zeitwechsel. Es gibt immer einen Anfang und ein Ende. Dieser Wechsel von einem zum anderen entspricht aber der Unvollkommenheit, denn Wechsel ist laut Definition Unvollkommenheit. Aber gerade das Attribut unvollkommen ist dem Wesen der Ewigkeit fremd.

Also stellt sich an diesem Punkt die Frage, ob der Mensch überhaupt zur Ewigkeit übertreten kann? Denn diese Ewigkeit müsste folgende Eigenschaften in sich vereinigen: Zeitlosigkeit und Veränderbarkeit. Wie dargestellt trägt Gottes Ewigkeit diese Eigenschaften nicht in sich, denn sie ist immerwährend und unveränderlich.